Arbeitszeitmodelle und Work-Life-Blance

In letzter Zeit regt sich einiges in unserer Vorstellung von Job- und Arbeitszeitmodellen, immer mehr hinterfragen wir als Gesellschaft unsere eingefahrenen Strukturen, an denen wir seit Generationen erfolgreich festhalten. Veraltet erscheint die Idee der 40-Stunden-Woche, überholt der traditionelle Lebenslauf, der bitte auch absolut lückenlos und leistungsorientiert zu sein habe. Dieses Neudenken ist wenig verwunderlich, betrachtet man den strukturellen Wandel, der uns durch die Digitalisierung ereilt hat und auf Kurz oder Lang neue Ansätze unumgänglich macht. Spätestens mit Auftreten der technologischen Singularität – also dem Zeitpunkt, an dem künstliche Intelligenz unsere menschliche Intelligenz überschreitet – werden immer mehr Arbeitsbereiche wegfallen. Und während Diskussionen über das bedingungslose Grundeinkommen endlich auch auf der politischen Agenda immer mehr Gehör finden, ist Finnland bereits einen Schritt weiter und erprobt diese Idee in einem Pilotprojekt. Was bereits seit Jahren unter dem Stichwort Work-Life-Balance gepredigt wird, scheint immer mehr an Bedeutung zu gewinnen. Geld, Wohlstand und Erfolg spielen für viele (insbesondere junge) Menschen eine immer geringere Rolle, während hingegen Freizeit, persönliche Selbstverwirklichung und Zeit für die Familie immer mehr in den Vordergrund rücken.

Arbeitszeitmodelle: Ist der Acht-Stunden-Tag überholt?

Eine Reihe schwedischer Unternehmen, Kliniken und Pflegeeinrichtungen sorgte für Schlagzeilen, als eine Welle der Berichterstattungen über sie hinwegrollte. Anlass war der Sechs-Stunden-Tag, den sie für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einführten. So wurde etwa in einem Toyota-Werk aus Göteborg der Arbeitstag bereits Anfang der 2000er Jahre in zwei Schichten à sechs Stunden eingeteilt. Dadurch verlängerte sich die Öffnungszeit des Betriebes von acht auf zwölf Stunden, während die individuelle Arbeitszeit schrumpfte. Ähnliches wurde in einem städtischen Projekt in einem Seniorenheim umgesetzt. Auch hier wurde der Sechs-Stunden-Tag eingeführt, der jedoch aufgrund der notwendigen Schichtarbeit als 30-Stunden-Arbeitswoche realisiert wurde.

Fünf Stunden arbeiten, doppelten Lohn kassieren

Einen Schritt weiter ging das US-amerikanische Unternehmen Tower. Bereits im Sommer 2015 stellte Tower-Chef Stephan Aarstol das Arbeitszeitmodell in seiner Firma auf einen Fünf-Stunden-Tag um. Zusätzlich verteilte er fünf Prozent seines Gewinns an die Belegschaft, wodurch sich ihr Stundenlohn fast verdoppelte. Dass das ganze nicht aus reinem Altruismus heraus entsprang, sondern allem voran unternehmerische Interessen dahintersteckten, zeigt sich an der Umsatzsteigerung von satten 40 Prozent. Allerdings waren die Mitarbeiter glücklicher, produktiver und hatten deutlich mehr Gehalt bei deutlich weniger Arbeitszeit – eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten. Der große Haken: Wer in der kürzeren Zeit nicht das Pensum schaffte, das vorher in acht Stunden Arbeitstag verlangt war, musste mit einer Kündigung rechnen.

Weitere Arbeitszeitmodelle in der Praxis

Der Sechs-Stunden-Tag – zumindest wo es messbar ist – kann also zu einer höheren Produktivität führen, während die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ausgeglichener, gesünder und zufriedener sind. Was bislang jedoch noch nicht in die Rechnung mit eingeflossen ist, sind mögliche Kosten sowie sozialwirtschaftliche Folgen einer Umstrukturierung der täglichen Arbeitszeit.

Doch es gibt auch andere Arbeitszeitmodelle, die zu einer Verbesserung der Work-Life-Balance beitragen können. So bieten einige Unternehmen ihren Angestellten an, sich die täglichen Arbeitszeiten selber einzuteilen und gar das eigene Gehalt anhand einer Selbsteinschätzung zu bestimmen. Bei solchen Prinzipien auf Vertrauensbasis geht es allem voran um Ergebnisse, nicht um aufgewendete Zeit. Andere Modelle bieten Zeitkonten an, in denen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Freizeit ansparen, die sie dann schließlich wie zusätzliche Urlaubstage abbuchen können.

Generell werden Sabbatical- oder Teilzeitmodelle immer beliebter, Verhandlungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern hinsichtlich der vertraglichen Arbeitszeit nehmen zu. Der Wunsch nach mehr Lebenszeit außerhalb des Büros setzt sich zunehmend durch, und darauf muss die Arbeitswelt eingestellt sein. Der technologische Fortschritt entlastet uns mittlerweile in vielen Bereichen und ermöglicht es uns, unsere Arbeitsprozesse zu optimieren und effizienter zu machen. Warum diesem Wunsch nach mehr Lebenszeit nicht also nachgehen.

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